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Winnenden: Tag des Gedenkens, Bedenkens und der Hoffnung PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Andreas Klamm Sabaot, Journalist   
Donnerstag, den 11. März 2010 um 14:05 Uhr

Win­nenden: Tag des Ge­den­kens, Be­den­kens und der Hoff­nung

Win­nenden / Berlin. 11. März 2010. In Win­nenden finden unter dem hohen zi­vilen Auf­gebot von Po­lizei und Si­cher­heits-Kräften die zen­tralen Ge­denk-Ver­an­stal­tungen zum Amok-Massaker von Win­nenden statt. In der Stadt wurden die Kir­chen­glo­cken ge­läutet und Men­schen aus der Stadt und der Re­gion haben sich zum Teil auch spontan der Ge­denk-Ver­an­stal­tungen für die 15 Opfer von Win­nenden und Wend­lingen an­ge­schlossen, die bei dem Amok-Massaker eines 17­jäh­rigen Schü­lers von einem Jahr er­mordet wurden. Bun­des­prä­si­dent Prof. Dr. Horst Köhler reiste mit seiner Ehe­frau nach Win­nenden.

In einer be­we­genden Rede ap­pel­lierte das deut­sche Staats­ober­haupt unter an­derem dafür „Für­ein­ander ein­zu­stehen.“ „Wir können die Toten nicht wieder le­bendig ma­chen. Sie kommen nicht mehr heim, la­chend oder in Ge­danken ver­sunken, müde oder voller Mit­tei­lungs­drang. Aber sie leben fort in der Erin­ne­rung ihrer Fa­mi­lien, ihrer Freunde, in der Erin­ne­rung ihrer Nach­barn und Be­kannten. So bleiben sie, und könnten wir sie fragen, sie würden wohl ant­worten: Be­haltet uns lieb. Lasst Euch nicht beugen und bre­chen von dem Ver­lust. Steht zu­sammen, steht für­ein­ander ein, lebt weiter, lebt mit für uns.“, so Prof. Dr. Horst Köhler.

Die Stim­mung in Win­nenden ist in meh­rere Lager ge­teilt. Es gibt die Mit­schüler und Mit­schü­le­rinnen, Freunde, Fa­mi­lien und An­ge­hö­rigen, die „alles ver­loren haben, ihre Tochter oder ihren Sohn, ge­liebte Ehe­männer oder Ehe­frauen…“. Für diese Men­schen ist heute der Tag des Ge­den­kens an eine der schwersten Ka­ta­stro­phen, die sich nach 1945 in einer deut­schen Klein-Stadt zu­ge­tragen hat. Für an­dere Men­schen in der Stadt ist ein Tag des Be­den­kens, der Fragen und der Suche nach Ant­worten, wie künftig ka­ta­stro­phale Amok-At­ten­tate ju­gend­li­cher oder auch äl­terer Men­schen ver­hin­derbar sein könnten. Für wei­tere Men­schen ist der heu­tige Ge­denk-Tag ein Tag der Hoff­nung, dass die Men­schen in Win­nenden und Wend­lingen von den Er­eig­nissen die am 11. März 2009 ge­lernt haben und ge­meinsam den Weg in eine bes­sere Welt und Zu­kunft wagen können.

Und es gibt in der Stadt auch ein Lager der Rea­listen, die wissen, dass viel ge­ar­beitet werden muss, „…sich das So­zial-Ver­halten aller Men­schen in der Ge­sell­schaft in Deutsch­land än­dern muss,…“ wenn­gleich auch die Si­cher­heit und Ga­rantie nicht ge­geben werden, kann, dass Amok-Massaker, wie in Win­nenden oder in Er­furt nicht Nach­ahmer, Tritt­brett-Fahrer oder Wie­der­ho­lung finden.

„Für viele Men­schen sind die Leis­tungs-Zwänge und der ste­tige Kon­kur­renz-Kampf in einer Eliten- und Besten-Aus­lese in Deutsch­land zu viel. Nicht we­nige Men­schen sind hoff­nungslos über­for­dert und genau hier gilt es auf eine Än­de­rung des So­zial-Ver­hal­tens hin­zu­wirken. Nicht Ge­gen­ein­ander au­spielen, son­dern für­ein­ander dar sein. Einer trage des an­deren Last, das So­zi­al­ver­halten än­dern, weg vom nicht mehr aus­halt­baren Kon­kur­renz-Druck um Brot und Lohn, hin zu einer So­lidar-Ge­mein­schaft, für ein Mi­tein­ander und Für­ein­ander.“, so ein Be­ob­achter der Er­eig­nisse, sei not­wendig um zu­min­dest die Zahl der Ver­zweif­lungs- und Amok-Taten von jungen und alten Men­schen in Deutsch­land zu re­du­zieren. Doch müsse man auch Rea­list genug sein, dass es eine Ga­rantie für die Ver­hin­de­rung schreck­li­cher Amok-At­ten­tate wie in Win­nenden nicht geben könne.

Horst Köhler ap­pel­lierte auch an die Me­dien: Eine in­ten­sive Be­richt-Er­stat­tung, die einen Amok-Täter in den Mit­tel­punkt stelle, dürfe es künftig nicht mehr geben. Es sei wis­sen­schaft­lich er­wiesen, dass dies mög­li­cher­weise an­dere Men­schen zu Nach­ah­mern werden lassen könne. Die Landes-Re­gie­rung von Baden-Würt­tem­berg ar­beitet in­tensiv an neuen Be­richt­er­stat­tungs-Re­geln und einem neuen Presse-Kodex für Me­dien in der Be­richt­er­stat­tung zu Ge­walt-Taten, die im Geist der Prä­ven­tion ge­fasst werden sollen. Alle Men­schen müssten sich gegen die Ver­ro­hung der Ge­sell­schaft zur Wehr setzen.

Die Rede von Bun­des­prä­si­dent Dr. Horst Köhler im vollen Um­fang:

„Meine Frau und ich, wir sind hier­her­ge­kommen, um diesen Tag mit Ihnen zu teilen. Da ist viel Schlimmes, was wir teilen müssen: Ein­sam­keit. Leere. Sinn­lo­sig­keit. Ver­zweif­lung. Angst. Und auch Hass.

Wir er­schre­cken vor uns selbst, wenn wir ent­de­cken, was alles aufkam in der Lücke, die vor einem Jahr ge­rissen wurde. Und ich bin bei Ihnen, wenn ich mir vor­stelle, was ge­rade die letzten Tage, die auf den Jah­restag zu­ge­führt haben, in Ihnen aus­ge­löst haben müssen.

Dieser Tag reißt Sie heraus aus der Ord­nung, um die Sie seit einem Jahr so mühsam ge­kämpft haben, um wei­ter­ma­chen zu können. Alles, was ver­loren ging, kommt wieder: Ge­sichter, Stimmen, Namen. Ich will sie wieder nennen.

Wir ge­denken heute er­neut der Opfer eines furcht­baren Ver­bre­chens:
Jac­que­line Hahn,
Ibrahim Ha­lilaj,
Franz Josef Just,
Ste­fanie Tanja Kle­isch,
Mi­chaela Köhler,
Se­lina Marx,
Nina De­nise Mayer,
Vik­to­rija Mi­na­senko,
Ni­cole Eli­sa­beth Na­lepa,
Denis Puljic,
Chantal Schill,
Jana Na­ta­scha Schober,
Sa­brina Schüle,
Kris­tina Strobel,
Si­gurt Peter Gu­stav Wilk.

Wir trauern um acht Schü­le­rinnen, einen Schüler und drei Leh­re­rinnen der Al­bert­ville-Re­al­schule in Win­nenden. Wir trauern um drei Männer, die der Täter auf seiner Flucht tö­tete, ehe er sich selbst das Leben nahm.

Und ich füge auch heute hinzu: Auch die Fa­milie des Tä­ters hat ein Kind ver­loren. Auch für sie ist eine Welt zu­sam­men­ge­bro­chen.

Wir ge­denken heute aller Opfer von Win­nenden und Wend­lingen.

Aber heute dürfen wir auch des ei­genen Schick­sals ge­denken. Der quä­lenden Fragen, wenn wir uns an dem Morgen jenes Tages nicht richtig von denen ver­ab­schiedet haben, die nie mehr wie­der­kamen. Und wir dürfen uns ein­ge­stehen, dass jeder Mensch ein an­deres, sein ei­genes Tempo hat, um zu ver­ar­beiten, was ge­schehen ist. Es kann sein, dass Ge­mein­schaften zer­bro­chen sind. Es kann sein, dass Ge­mein­schaften wieder zu­ein­ander ge­funden haben. Viel­leicht gibt es Men­schen, die durch das Ge­sche­hene zum Glauben ge­funden haben. Viel­leicht haben sich Gläu­bige von Gott ab­ge­wendet.

Das alles dürfen wir uns heute ein­ge­stehen. Denn dieser Tag steht dafür, dass alles an­ders ist, als es vorher war.

Wir können die Toten nicht wieder le­bendig ma­chen. Sie kommen nicht mehr heim, la­chend oder in Ge­danken ver­sunken, müde oder voller Mit­tei­lungs­drang. Aber sie leben fort in der Erin­ne­rung ihrer Fa­mi­lien, ihrer Freunde, in der Erin­ne­rung ihrer Nach­barn und Be­kannten. So bleiben sie, und könnten wir sie fragen, sie würden wohl ant­worten: Be­haltet uns lieb. Lasst Euch nicht beugen und bre­chen von dem Ver­lust. Steht zu­sammen, steht für­ein­ander ein, lebt weiter, lebt mit für uns.

Meine Frau und ich, wir sehen, wie die Men­schen hier ein­ander an­nehmen, ein­ander trösten, ein­ander halten. Nichts ist mehr, wie es vorher war; das ist wahr. Aber was jetzt ist, das ist eben auch so viel mehr als Nichts. Etwas Neues ist im Ent­stehen be­griffen. So war es zu allen Zeiten. Nehmen wir es an.

Was hier vor einem Jahr ge­schehen ist, das geht aber auch unser Land ins­ge­samt an. Ich habe in den zu­rück­lie­genden Mo­naten viele Ge­spräche ge­führt, mit Psy­cho­logen und mit Ex­perten für Waf­fen­recht, mit Ab­ge­ord­neten und Mi­nis­tern, mit Me­di­en­fach­leuten und Po­li­zisten über die Frage: Was können wir tun, was muss getan werden, um solche Schre­cken zu ver­hin­dern? Ich denke, der von der Lan­des­re­gie­rung ein­ge­setzte Ar­beits­kreis, Herr Mi­nis­ter­prä­si­dent, hat einen guten Be­richt ge­macht. Zu­nächst müssen wir uns ein­ge­stehen, so schwer das auch fällt: Es gibt keine end­gül­tigen Ant­worten, keine letzte Si­cher­heit vor sol­chen Ge­walt­taten. Aber wir wollen uns si­cher sein, dass wir alles, wirk­lich alles Men­schen­mög­liche tun, um diese Ge­fahr so ge­ring wie mög­lich zu halten.

Dazu sind wir zu­al­ler­erst auf die Hilfe der Me­dien an­ge­wiesen. Denn wir haben ge­lernt, und es ist wis­sen­schaft­lich er­wiesen: De­tail­lierte Be­richt­er­stat­tung über die Täter, ihre Mo­tive, ihre Pla­nungen, ihre Vor­ge­hens­weise, auch Ta­ta­blauf, Klei­dung, Waffen: Das ist es, was Nach­ahmer auf den Plan ruft. Wir müssen also ver­stehen: In­ten­sive Be­richt­er­stat­tung, die den Täter in den Mit­tel­punkt stellt, kann ein An­lass zur nächsten Tat sein.Es gibt keinen Grund, der es wert wäre, diesen An­lass zu schaffen. Ich schließe mich des­halb dem Ex­per­tenrat der baden-würt­tem­ber­gi­schen Lan­des­re­gie­rung an: Wir brau­chen klar de­fi­nierte Be­richt­er­stat­tungs­re­geln, die ge­meinsam mit den Me­dien er­ar­beitet werden; wir brau­chen einen me­dien­über­grei­fenden Pres­se­kodex im Geist der Prä­ven­tion.

Ich bitte die Me­dien des­halb an diesem Tag ein­dring­lich um Auf­ge­schlos­sen­heit für dieses An­liegen.

Es kann auch viel ge­schehen – noch mehr als bisher – damit ge­fähr­dete Men­schen nicht an Schuss­waffen ge­langen und Schulen und ähn­liche Orte noch besser vor An­schlägen ge­schützt sind. Ich ver­stehe die jüngste No­vel­lie­rung des Waf­fen­ge­setzes durch den Deut­schen Bun­destag als Zei­chen dafür, dass ein Um­denken be­gonnen hat. Die Par­la­mente und die Re­gie­rungen des Bundes und der Länder sollten diesen Pro­zess weiter vor­an­bringen und be­gleiten – und die Schüt­zen­ver­eine sollten ihnen dabei helfen.

Dann die Frage, wie schützen wir Ju­gend­liche davor, sich Vi­deo­spielen aus­zu­lie­fern, bei denen es darum geht, an­deren Men­schen Ge­walt an­zutun, ihnen Schmerzen zu­zu­fügen, sie zu töten. Un­ab­hängig davon, ob solche Spiele Hand­lungs­an­lei­tungen für po­ten­ti­elle Täter sind oder nicht – die Mei­nungen in der Wis­sen­schaft gehen in dieser Frage aus­ein­ander – ich finde, hier müssen wir uns gegen eine dro­hende Ver­ro­hung un­serer Ge­sell­schaft ge­meinsam zur Wehr setzen und Grenzen ziehen.

Aber das Wich­tigste liegt an uns selbst. Das ist gut, weil wir bei uns selbst an­fangen können und nicht darauf warten müssen, dass an­dere etwas tun, was wir von ihnen ver­langen. Das Wich­tigste ist: Wir können alle lernen, gut mi­tein­ander um­zu­gehen. Wir können darauf achten, dass nie­mand ab­seits bleibt. Wir können mehr An­teil nehmen an­ein­ander, statt achtlos vor­über­zu­gehen. Wir können sogar je­manden an­lä­cheln, den wir nicht gleich ins Herz schließen wollen. Oft reicht schon ein freund­li­ches Wort, oft hellt schon ein kurzes Ge­spräch für den an­deren den ganzen Tag auf. Alle Men­schen brau­chen Zu­wen­dung. Sie ist be­son­ders wichtig für junge Leute, weil die ihren Weg ja noch su­chen, weil sie ihren Platz ja noch finden wollen und dafür An­er­ken­nung und ein Ge­fühl der Zu­ge­hö­rig­keit brau­chen. Wollen wir uns dafür ge­meinsam ein­setzen?

Ich möchte uns alle, im ganzen Land, darum bitten: Wir wollen ver­ab­reden, das Ge­fühl der Zu­ge­hö­rig­keit, der Zu­sam­men­ge­hö­rig­keit wachsen zu lassen, in der Fa­milie und in der Schul­ge­mein­schaft, in der Nach­bar­schaft, am Ar­beits­platz, in den Ver­einen, in der Ge­meinde. Es sind die Orte, an denen wir unser Leben ver­bringen, und überall da wollen wir achtsam mi­tein­ander um­gehen.

Ich weiß: Das wussten wir längst. Wir mussten daran nicht erst erin­nert werden durch das Leid, das am 11. März 2009 nach Win­nenden und Wend­lingen ge­kommen ist. Dieses Leid hätte aber dazu führen können, dass die Men­schen an­ein­ander irre werden, dass sie das Ver­trauen zu­ein­ander ver­lieren und sich ein­kap­seln in ihrem Schmerz und ihrer Furcht. Doch das haben Sie nicht getan hier in Win­nenden und an der Al­bert­ville-Re­al­schule. Sie haben Ihren Zu­sam­men­halt be­kräf­tigt und Ihre Ge­mein­schaft ge­stärkt. Das zeigt sich an diesem Tag, und das wird sich auch in Zu­kunft be­währen. Ich bin froh dar­über. Ich danke Ihnen dafür, und ich wün­sche Ihnen auch wei­terhin die Kraft der Ge­mein­sam­keit. Meine Frau und ich bleiben an Ihrer Seite.“

Rede des Bun­des­prä­si­denten Prof Dr. Horst Köhler zum Amok-Massaker in Win­nenden und in Wend­lingen.

 

 

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Zuletzt aktualisiert am Donnerstag, den 11. März 2010 um 16:28 Uhr
 

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